Seit knapp über eineinhalb Jahren bin ich jetzt selbständig – 100% Fotograf, wie der Volksmund sagt. Genauer gesagt bin ich 100% freiberuflicher Fotodesigner. Doch der Weg dorthin war nicht ganz so einfach. Manchmal müssen die Schmerzen halt einfach groß genug sein, damit man etwas ändert. Ich will hier keinem etwas böses, das steht mir total fern. Ich möchte einfach nur denen helfen, denen es ähnlich geht, wie es mir ging. Ich möchte Mut machen etwas zu ändern, sein ganzes Leben zu ändern, wenn es sein muß.

Es begann vor einigen Jahren, ich war damals Webmanager in einer Bank. Konzipierte, entwickelte, programmierte und designte die Webseite der Bank. Ich war Server- und Datenbankadmin – Linux, Apache, MySQL, PHP und HTML waren meine Welt. Einmal war „meine Webseite“, mein Baby, sogar die beste Webseite aller Genossenschaftsbanken. Ich hatte als Bürokaufmann, staatlich geprüfter Betriebswirt und Autodidakt mein Hobby zum Beruf gemacht und es war toll!

Da ich jetzt kein Hobby mehr hatte, musste ein neues her. Ich fotografierte meine Jungs, Bienchen, Blümchen und was sonst nicht schnell genug wegrennen konnte. 2003 bekam ich meine ersten Aufträge, die im Lauf der Zeit immer mehr wurden. Super! Job läuft. Hobby läuft. Geil! Eine Zeit lang zumindest. Für meine Arbeitgeber wurde ich zum Risiko. Das Internet wurde für die Bank immer wichtiger. Und würde mir eine Kuh auf den Kopf fallen, wäre keiner da, der sich mit dem, was ich aufgebaut hatte, auskennt. Ein Content-Management-System (Ein System in das nur noch Texte und Bilder eingestellt werden, entwickelt und programmiert wird es vom Anbieter.) wurde eingeführt, ein logischer und richtiger Schritt. Mein Baby war ich damit jedoch los. In den nächsten Jahren änderten sich meine Vorgesetzten und meine Aufgaben mehrmals. Es war zwar immer was mit der Webseite und dem Internet, aber nie wieder so ganz mein Ding.

Jeder, der das bis hier gelesen hat, denkt sich bestimmt, sich spätestens jetzt einen neuen Job zu suchen – ganz klar! Aber so einfach ist das nicht, ein kuschliges warmes Nest mit vielen lieben Kolleginnen und Kollegen zu verlassen ohne zu wissen, ohne die Garantie zu haben, dass es woanders mindestens genauso kuschlig ist. Und das Geld muß ja auch stimmen.
Ich weiß, dass es vielen Menschen genauso geht. Sie sind irgendwie unzufrieden. Wissen nicht so genau wieso. Machen ihren Job und freuen sich morgens um 7 schon auf den Feierabend, noch besser das Wochenende. Intern haben sie schon einen Timer rückwärts laufen damit sie den pünktlichen Feierabend nicht verpassen. Und für genau die erzähle ich jetzt weiter.

Die Zeit ging weiter. Meist war ich Sonntagabend, Sonntagmittag schlecht drauf, hätte gerne die Zeit angehalten, aber die lief unaufhaltsam in Richtung Montag. Ich war immer öfter depressiv. War mir gar nicht so aufgefallen, bis mich meine Frau darauf ansprach. Aber keine Ahnung, was ich dagegen tun sollte, ging ja auch wieder weg, wurde besser… kam wieder. Ich war oft schlecht gelaunt, auf der Arbeit und zu Hause. Dort hatte vor allem meine Familie darunter zu leiden. Dann kamen irgendwann Schlafstörungen dazu. Ich wachte nachts auf und schlief erst Stunden später oder gar nicht mehr ein. Ich war in einer langen schleichenden Abwärtsspirale, der Schlafmangel verstärkte alles noch. Ich hatte immer öfter Zoff mit meinen Kollegen. Das spitze sich zu… ein falscher Pups vom Computer und die Funkmaus flog, angefeuert von lautem Fluchen, durch’s Büro. Ich war vor mir selbst erschrocken. Das war nicht ich… aber das war der Moment an dem ich aufstand, mein Zeug packte und zu meinem Hausarzt ging. „Wollen Sie Tabletten oder soll ich Sie krankschreiben“, wurde ich nach einer kurzen Schilderung meiner Lage gefragt. „Ich will keine Tabletten. Ich will wissen, wo mein Problem liegt.“ antwortete ich und ging mit einer Krankmeldung nach Hause. Die Tage vergingen und ich wieder an meinen Arbeitsplatz. Gebracht hat es nichts. Ich bekam Krämpfe im Rücken. Hammerschmerzen, die mir, je nachdem auf welcher Höhe sie auftraten auch das Atmen sehr erschwerten. Da halfen keine Einlagen, keine Akupunktur und keine Krankengymnastik. Bei einem meiner nächsten Hausarztbesuche lies ich mir dann auch eine Überweisung zum Psychotherapeuten geben. Find da mal einen! Psychotherapeuten haben immer ihren Anrufbeantworter laufen und rufen grundsätzlich nicht zurück. Ein Hammer Spruch auf einem AB war „Hinterlassen Sie Ihren Namen, Ihre Telefonnummer, den Namen ihrer Krankenkasse und eine genaue Beschreibung Ihrer Beschwerden und versuchen Sie es, falls wir uns nicht melden, in 4 Monaten wieder.“. Privat hätte ich bei nicht kassenzugelassenen Therapeuten sofort einen Termin bekommen, aber das ist ein anders Thema.
Beim Autofahren gingen mir schon lange Zeit immer wieder Gedanken durch denk Kopf, ob es nun besser wäre mit zweihundert gegen einen Brückenpfeiler zu fahren oder vielleicht von einer Brücke herunter. Ob ein Zug eine bessere Alternative ist. Aber ich will ja keinen in Mitleidenschaft nehmen. Weder andere Verkehrsteilnehmer, noch den Lokführer. Auch machte ich mir Gedanken darüber, was mit meinen Kindern wird. Meine Frau… die findet schon wieder einen. Meine Eltern… Ich glaube, das schlimmste, was Eltern passieren kann, ist das eigene Kind zu verlieren. Da kommt man nie drüber weg. Was perfektes ist mir nicht eingefallen. (Diese Überlegungen hielt ich damals übrigens für ganz normal, bei dem ganzen Mist an Krimis und Psychofilmen, die im Fernsehen laufen. Erst vor kurzem fiel mir auf, dass ich daran seit langem keinen Gedanken mehr verschwende.)

Da stand ich nun schlecht gelaunt mit meinen Depressionen, Schlafstörungen und unerklärlichen Rückenkrämpfen, alles Scheiße! Keine Ahnung, wo mein Problem liegt. Ist es der Chef? Kollegen? Arbeitgeber? Meine Frau? Soll ich kündigen und mir einen anderen Job suchen? Oder bin ich das Problem und nehme es mit zum neuen Arbeitgeber, wo es dann auch nicht besser läuft? Oder soll ich mich besser scheiden lassen und mir eine zwanzig Jahre Jüngere suchen?

 

Teil 2 gibt es spätestes nächstes Wochenende. (Teil 2 ist jetzt online.) Abonniere meinen RSS-Feed oder werde Fan auf Facebook.

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  1. Es ist tatsächlich erschreckend und gleichzeitig interessant – ich sehe so viele Parallelen in diesem Beitrag…
    Ich kann wirklich alles nachvollziehen.

    Bin schon gespannt, wie es weiter geht.

  2. Nach nun fast 10 Jahren Selbstständigkeit und einer recht ähnlichen Vorgeschichte bin ich äußerst gespannt auf Deine weiteren Teile, und Dein erstes Fazit nach 18 Monaten 🙂

  3. Klasse… es ist wie ein paralell leben…

    Nun warte ich noch auf die freunde und bekannten, die es einem madig machen wollen und werden!!

    LG

    Sven Rausch

  4. „Manchmal müssen die Schmerzen halt einfach groß genug sein, damit man etwas ändert.“

    Dieser Satz trifft bei mir sowas von den Nagel auf den Kopf. Ich will schon seit 2 Jahren voll in den Fotobereich wechseln….bin aber zu bequem meine gute Festanstellung (lustiger Weise auch Webdesigner/Programmierer) dafür hinzuwerfen 🙁 und warte somit schön brav auf eine „Gelegenheit“

    Zumindest bis zur Hälfte des Beitrags könnte ich das geschrieben haben 😀

    vg
    Frank

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