Heute gibt es den zweiten von drei Teilen. Eure Resonanz war umwerfend, vielen lieben Dank. Den dritten Teil veröffentliche ich deshalb auch nicht erst wie geplant am nächsten Wochenende, sondern schon Mitte der Woche.
Hier kannst Du den ersten Teil lesen, falls Du ihn noch nicht kennst.

Teil 2:

Die Tage verstrichen, es änderte sich nichts. Meinen Vorgesetzten hätte ich schon mehrmals mit Anlauf gegen das Schienbein treten und sie dabei wüst beschimpfen können. Ja, ich hatte inzwischen öfters Angst vor mir selbst. Das Wort Burnout verwende ich nur sehr ungern, aber ich war mittendrin. Irgendwann kam der Tag an dem ich mich mit meinem Gegenüber sehr lautstark fetzte. Unser Chef verdonnerte uns zum „Kuschelcoaching“ mit einem der bankinternen Coaches. Wumms! Ein bankinterner Coach… dem soll ich mich anvertrauen? Was erzählt der an meine Vorgesetzten weiter? Und wem erzählt er sonst noch etwas?
Etwa zur gleichen Zeit bekam ich von einer Kollegin den Tipp, mal zur Betriebsärztin zu gehen. Beim ersten Termin war ich anderthalb Stunden bei ihr. Sie hatte mich nicht gefragt, ob ich Tabletten will. Sie hat zugehört und mir ab und zu Rückmeldung gegeben oder nachgefragt. Eineinhalb Stunden! Mit einer Ärztin gesprochen! Als Kassenpatient eine unvorstellbare Zeitspanne! Ich habe dabei festgestellt, dass es hilft, mit anderen zu reden. Auch und gerade über solche „No-Go-Themen“. Nach und nach habe ich Freunde und eng vertraute Kollegen von meinen Problemen erzählt, meistens bin ich auf offene Ohren gestoßen und… auf Menschen, die ganz ähnliche Probleme haben wie ich. Guck einer an… Ich war nicht mehr alleine.

Beim „Kuschelcoaching“ kamen wir gut voran. Wir wussten jetzt wie der Andere tickt und warum. Dann hatte ich meine Einzelstunden mit meinem Coach. Parallel dazu hatte ich inzwischen auch einen Psychotherapeuten gefunden. Zwei vollkommen unterschiedliche Vorgehensweisen. Während es beim Therapeuten erstmal um Eltern und die eigene Kindheit ging, packte mein Coach die Probleme direkt an. Die Abwärtsspirale hörte auf. Das heißt nicht, dass es mir besser ging. Es ging halt nur nicht mehr abwärts. Viele viele Stunden waren nötig ich wusste immer mehr und gleichzeitig immer weniger über mich. Meine Probleme wurden klarer, meine Frau konnte ich von der Liste streichen. Ich wusste, es ist mein Job. Irgendwann war mir, dank intensivem Coaching, auch klar, warum es mein Job ist, der mich krank macht. Ich weiss nicht mehr im Einzelnen was mein Coach mich alles gefragt hatte. Er hatte mir nie Ratschläge gegeben, immer nur Fragen gestellt. Bei vielen Fragen saß ich da und hatte keine Ahnung, was er von mir will, weil ich mir darüber nie Gedanken gemacht hatte. Eine Schlüsselfrage für mich war die nach meinen Werten. Nicht die Werte von Haus, Hof und Silberbesteck. Nein, die inneren Werte, nach denen jeder meist unbewußt lebt. Wer hat sich darüber schon mal ernsthafte Gedanken gemacht? Es war ein längerer Prozess bis dahin, heraus zu finden, was meine Werte sind. Seit dem ich sie kenne, hängen sie an meiner Magnettafel über’m Schreibtisch. Es hatte sich viel im Laufe der Zeit geändert, mein Job war einfach nicht mehr meiner, er passte nicht mehr zu meinen ganz eigenen persönlichen inneren Werten.

Und jetzt? Anderer Bereich? Anderer Arbeitgeber? Welcher? Wo? Als was? Ich mußte mir also noch klar werden, was ich eigentlich will. Womit ich tief im Inneren die nächsten Jahre bis zur Rente mein Geld verdienen will. Meine Jungs wollen vielleicht studieren. Das Haus muß bezahlt werden. Das Auto hält nicht ewig und Urlaub wäre auch prima. Mit dem Coaching war ich also noch lange nicht am Ende. Auch Hypnose habe ich ausprobiert, um von Problemen los zu lassen. Vergesst die Showhypnose im Fernsehen. Richtig angewandt ist das klasse.
Eigentlich will ich fotografieren. Nebenberuflich lief es die letzten Jahre immer besser. Aber kann ich davon leben? Die Familie auch? Kein festes Gehalt mehr, stattdessen die Frage was im nächsten, im übernächsten Monat rein kommt… bis zur Rente. Meine Finanzplanung sagte eindeutig „Nein“ zur Selbständigkeit. Im vollen Galopp die Pferde wechseln, dafür reicht es dann doch nicht.
Die Anzahl der Menschen mit denen ich über meine Probleme und Gedanken redete wurde größer. Mit jedem Gespräch wurde mir wieder klarer, was schief läuft und woran es liegt. Auch was ich in Zukunft machen will. Fotografieren! Nur die Frage nach dem „Wie“ mußte noch beantwortet werden. 50% arbeiten, 50% fotografieren. Nicht das Gelbe vom Ei, aber immer noch ein festes Grundeinkommen. Ich mußte mit meinem Arbeitgeber reden. Egal, wie’s kommt, ich wusste, meine Frau steht hinter mir. Ich redete mit meinem Arbeitgeber und bekam drei Möglichkeiten genannt, davon eine mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte… und eine Woche Bedenkzeit.

 

Teil 3 gibt es Mitte der Woche. (Teil 3 ist hier online.) Um ihn nicht zu verpassen, abonniere meinen RSS-Feed oder werde Fan auf Facebook.

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  1. Hallo Andreas!

    Ich muss mal loswerden, dass ich es sehr beeindruckend finde dass du den Mut gefunden hast, deine Geschichte so offen und ehrlich zu erzählen. Vor solchen Menschen habe ich sehr viel Respekt!!! Ich bin mal gespannt auf Teil 3, da ich mich auch gerade mit einem ähnlichen Thema beschäftige.

    Grüße und ein schönes Restwochenende
    Sven

  2. Hallo Andreas,

    Vielen Dank, dass du deine Gedankengänge teilst – ich bin mir sicher, so geht es Hunderten von Fotografen da draußen. Bei mir ist die Ausgangssituation zwar etwas verschieden (duales Studium, noch keine Familie) und ich mag meinen aktuellen Beruf. Jedoch grübelt man als Nebenberuflicher trotzdem ständig, ob man den Schritt in die Selbstständigkeit nicht doch wagen sollte. Gerade aus diesem Grund bin ich sehr gespannt auf Teil 3! 😉

  3. Hallo Andreas,
    was Du beschreibst kommt mir nicht ganz unbekannt vor. Ich hoffe, ich mache die „Talsohle“ aus Deinem Kapitel 1 gar nicht erst duch, sondern stelle vorher die richtigen Weichen.

  4. Hallo Andreas, zu sprichst mir aus der Seele – bin schon auf den 3 Teil gespannt!

    Mir ging es Anfang des Jahren genauso wie dir! Ich hab auch schon darüber nachgedacht, welche Art und Weise sich das Leben zu nehmen am humansten für die Umgebung wäre…
    Seltsam, das jetzt so zu schrieben. War aber so.

    Leider bin ich noch nciht so weit wie du. Ich hab im Moment noch keine wirkliche Lösung gefunden, wobei die Fotografie schon immer meine innere Leidenschaft war. Ich liebe es. Leider plagen mich zu viele Zweifel und mein Selbstwertgefühl, das hat mit meiner Kindheit zu tun, ist nicht grad das Beste.

    Ich denke jetzt aber immer öfter darüber nach, erst mal im Nebenberuf die Fotografie zu machen, da ich mir sowieso einen Job suchen muss. Und im Nebenberuf ist die Hürde doch etwas niedrigen bezüglich all den dingen, die man als Selbständiger beachten muss… Und ich habe schon freiberuflich gearbeitet, es fühlte sich viel viel besser an, als als angestellter Mensch. viel freier und ja, mit vielen Verpflichtungen.
    Das war aber ok.

    Wie würdest du entscheiden oder machen? Hast du einen Rat?

  5. Lieber Andreas,

    wie schön plastisch du das beschreibst. Bei mir war das ein bisschen vergleichbar. Ich habe nach der Kündigung bei meinem Arbeitgeber noch den Umweg über eine Selbstständigkeit als IT-Berater gewählt. Da fand ich es schließlich noch schwerer, aus der ziemlich gut bezahlten Mühle wieder auszusteigen. Aber irgendwann wird das Magengrummeln vor der Arbeit doch schwerwiegender als die Sorge vor dem (vielleicht) schwindenden Kontostand. Ich konnte dann nicht anders und musste mich 100% auf die Fotografie (heute Fotografie und Film) konzentrieren.

    Das war vor 5 Jahren und ich lebe immer noch und schlafe nicht unter Brücken 🙂

    Allerdings hatte ich im letzten Jahr nochmal mit Burnout zu kämpfen, weil ich mich zu sehr auf die Arbeit konzentriert hatte. Als allein Selbstständiger droht die Work-Life-Balance, von der man sonst überall hört und liest, schnell in den Hintergrund zu treten, wenn man versucht, es allen Kunden recht zu machen. Man ist ja froh, dass sie da sind. Da musste ich auch wieder vieles lernen und umdenken.

    Ich bin gespannt, wie deine Geschichte weiter geht und freue mich schon aufs Weiterlesen.

    Herzliche Grüße
    Hendrik

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